News aus dem Deutschen Theater

    Cabaret-Regisseur Tom Littler im Interview

    Frage: Cabaret läuft seit über 50 Jahren und wurde schon von vielen Regisseuren interpretiert, u.a. von Harold Prince. Wie haben Sie Ihre eigene Vision der Show kreiert, vor dem Hintergrund dieses großen Vermächtnisses?

    Tom Littler: Man darf nicht über vergangene Inszenierungen nachdenken, egal ob auf Bühne oder Bildschirm. Man kann sich nur mit dem Buch und den Songtexten und der Partitur beschäftigen, auf eine Weise, die einem selbst ehrlich erscheint. Zusätzlich inspiriert wurde ich vom Lesen des Quellmaterials: Christopher Isherwoods Romane und Kurzgeschichten.
    Die Idee für die Inszenierung kam von einer Erinnerung an eine Zugfahrt mitten in der Nacht an einer Grenzstation in Mitteleuropa – Isherwood schreibt viel über Züge, und die Geschichte von Cabaret beginnt mit einer Begegnung in einem Zug. Die Inszenierung spielt komplett an einem verlassenen Bahnhof – eine Gruppe von Menschen, eingefroren in der Zeit, erwacht zum Leben um ihre Geschichte zu erzählen.
    Und schließlich spielen meine Kollegen – der musikalische Leiter Tom Attwood, die Choreografin Cydney Uffindell-Phillips und das Designteam, angeführt von Simon Kenny – alle eine wichtige Rolle, genauso wie die Schauspieler. Wenn man eine Inszenierung kreiert, wird man immer viele Überraschungen erleben.

    Frage: Was denken Sie, warum ignoriert Sally Bowles die unvermeidlichen Bedrohungen, die um sie herum wachsen? Weil Unwissenheit ein Segen ist („Ignorance is bliss“)?

    Tom Littler:
    Das müssten Sie Helen Reuben fragen, die Sally spielt und eine unwiderstehliche und originelle Darbietung gibt. Warum verbringen wir heute nicht unsere ganze Zeit damit, uns über den Klimawandel Sorgen zu machen? Warum demonstrieren wir nicht jeden Tag in 2019 auf der Straße? Es gibt Vieles, wovor man sich fürchten könnte – aber die meisten von uns sind mit unserem Privatleben beschäftigt, unserer Karriere, unseren Familien, was wir zum Abendessen wollen… Sally ist ein Mensch mit Fehlern. Ein wenig verloren, mit einer selbstzerstörerischen Tendenz. Darum kann man sich so gut mit ihr identifizieren. Und ich glaube auch, wenn die Leute merken, dass sich etwas Schreckliches anbahnt, dann feiern sie härter, trinken mehr – der Tanz auf dem Vulkan.

    Frage: Sie haben viel auf dem Londoner West End gearbeitet – Wie war es mit den English Theatre in Frankfurt zu arbeiten, war es anders? Und wie ist es für Sie jetzt nach München zu kommen?

    Tom Littler: Frankfurt ist ein wundervolles Theaterhaus. Es ermutigt mich dazu, Arbeiten zu schaffen, die visuell wagemutig sind und eine gewisse Größe haben, die aber auch intim und sehr menschlich sind. Es ist aufregend, die Produktion ans Deutsche Theater zu verlegen, wo die Bühne ähnlich aber der Zuschauerraum größer ist. Ich war auch sehr erfreut darüber für diese Produktion zum ersten Mal München besuchen zu können – war für eine wunderschöne Stadt. Es ist für mich ein Privileg, als Brite diese Arbeit über europäische Geschichte für das deutsche Publikum zu machen: Wir haben ein(e) englischsprachige(s) Besetzung und Kreativteam und ein(e) deutschsprachige(s) Band und Produktionsteam. Es ist ein spaßiger, kollaborativer Ansatz. Wir lernen alle viel dabei. Dies ist meine achte Produktion in der EU. Selbst wenn der Brexit passiert, hoffe ich, dass wir weiterhin international zusammenarbeiten können.

    - Übersetzt aus dem Englischen -


    Zur Person: Tom Littler studierte Englisch in Oxford und promovierte in Cambridge, wo er heute auch lehrt und forscht. Er war viel auf dem Londoner West End und in regionalen Theatern in England als Regisseur tätig. Er wurde bereits sechsmal als Bester Regisseur für den OffWestEnd-Award nominiert. Am English Theatre Frankfurt hat er schon u.a. Jekyll & Hyde und The Picture of Dorian Gray inszeniert. Zu seinen weiteren Inszenierungen zählen z.B. As You Like It (Creation Theatre, Guildford Shakespeare Company), Romeo and Juliet (Cambridge Arts Theatre) und Saturday Night (West End-Transfer vom Jermyn Street Theatre). Seine Inszenierung von Cabaret ist vom 15. bis 30. März im Deutschen Theater zu sehen.

    Mehr Informationen zu Cabaret gibt es hier.