Faschingshochburg

Das Deutsche Theater als Faschingshochburg der Stadt München

Seit über hundert Jahren ist das Deutsche Theater die Faschingshochburg der Stadt München. Seit Anbeginn der Planungen 1895 an, war das Theater als ein Allzweckhaus geplant " für naturalistisches Theater ebenso wie für den großen Gesellschaftsball, die seit jeher das Herzstück des Münchner Faschings ausmachen. So fand bald nach der Eröffnung des Theaters auch schon die erste rauschende Ballnacht statt:
Am 9. Januar 1897 veranstaltete die "Münchner Karnevalsgesellschaft", aus der später die Narrhalla hervorging, ihre erste Redoute (ein Maskenball): "Das mit Glühlichtern festlich beleuchtete Haus strahlte nur so von herrlichen Masken und Dominos" (Damenkleider in Schwarz-Weiß), liest man in einer Chronik. Der damalige Gastronom des Theaters, Ludwig Hitzelsberger (der auch das Café Luitpold betrieb), gründete kurz darauf, am 13. Januar 1897, den später berühmt gewordenen "Bal paré" (ebenfalls ein Maskenball). Bald übersiedelten auch die ersten Vereinigungen in den noblen Feenpalast:
Der Männerturnverein mit einem "Großen Maskenball Altgriechenland " Jung-Deutschland", das Kaufmanns-Casino mit einem "Grand Bal Masque Fantastique " eleganter Lumpenball, Prämierung der elegantesten und der lumpigsten Masken." Dabei war die Kleiderordnung bei den Bällen und Redouten streng geregelt: "Herren erscheinen im Frack, Venetianermäntel an der Garderobe erhältlich. Damen im Domino. Masken ausgeschlossen." 4 Mark kostete die Herrenkarte, für 3 Mark erhielt die Damenwelt Einlass; bedenkt man, dass der Wert einer Reichsmark um 1900 umgerechnet bei rund 5 Euro lag, handelt es sich um eine nicht unbedeutende Summe. Die sparsamen Münchner schmuggelten daher unter Frack und Domino Essen und Getränke in die Veranstaltungen, um wenigstens an der Verpflegung zu sparen.

Trotz " oder gerade wegen " der noblen Veranstaltungen dauerte es nicht lange, bis das Deutsche Theater das Ballhaus Nummer 1 der Stadt wurde. Ein Glanzpunkt der Münchner Ballsaison entstand mit dem "Ball zum Besten der Armen", kurz "Armenball" genannt, der seit 1878 in sämtlichen Räumen des Hof- und Nationaltheaters stattfand " unter Anwesenheit der königlichen Familie.
1905 zog der "Armenball" " auf dem die wirklich nicht arme High Society Münchens zu finden war " dann ins Deutsche Theater: Die offizielle Adelung des Hauses, denn nun fanden im Feenpalast in der Schwanthalerstraße auch Bälle in Anwesenheit des bayerischen Königs statt!

Nach dem ersten Weltkrieg war es die Aufgabe von Direktor Hans Gruß, den Münchner Fasching im Deutschen Theater wieder zu jenem glanzvollen Ereignis des Gesellschaftslebens zu machen, der er vor 1914 war. Dabei musste er sich auch gegen "reaktionäre‘ Tendenzen durchsetzen, die den Münchner Fasching volkstümelnd zum Hort deutschen, speziell bayerischen, Volkslebens machen wollten: Auf dem Pressefest "Alt-München" im Fasching 1922 wurden Walzer, Rheinländer, Schottische Tänze und Polka gespielt. "Der Abend soll alter geschmackvoller Münchner Geselligkeit, treuer Pflege heimatlicher Sitten und Tracht, der Werbung für schöne Tänze gewidmet sein", wie das Veranstaltungskomitee im Programm mitteilte.
Doch Gruß, der Mann der Unterhaltung, setzte sich auf Dauer mit seinem Begriff von "rauschenden Festen" durch. Auf den "Bals parés" und Künstlerfesten regierte wie in seinem Variété die von den Treudeutschen verpönte "Synkopenmusik", wie der Jazz und seine Spielarten gerne genannt wurden. Und bei den Dekorationen wurde mächtig geklotzt. Zu den Künstlerfesten wie "Arche Noah" oder "Triumph der Eitelkeiten" dekorierte man den ganzen Saal über Nacht um. Die München-Augsburger Abendzeitung berichtete 1927 über eines dieser Feste:
"Um den Baum der Phantasie, der silbern in der Mitte des Saales emporwuchs, ringelte sich eine Schlange, rot und prächtig. Silbern und rot waren die Balkone, mit den Attributen aller Eitelkeiten geziert die Säulen. Breite Silberbahnen führten hoch hinauf zur Decke " der schöne Saal des Deutschen Theaters wurde zum phantastischen Thronsaal sternübersäter Eitelkeit, deren heilige Tiere in Gestalt zweier prächtiger Pfauen den Gast schon auf dem Treppen-Absatz begrüßten."

Höhepunkt der Prachtentfaltung war seit 1925 die "Venezianische Nacht" am Rosenmontag. Das Theater wurde zum Markusplatz umdekoriert, auf dem venezianische Masken nun die Nacht durchtanzen konnten. Die Kostüme wurden dabei jeweils von den Münchner Modehäusern speziell für die jeweilige Ballsaison gestaltet. 1935 übernahm Paul Wolz die Direktion des Deutschen Theaters. Bis zum Fasching 1939 führte er die Bälle in der Tradition von Hans Gruß weiter " wenn man nun auch nicht mehr zu "Foxtrott", sondern "politisch korrekt‘ zum "Zweischritt" tanzte. Am 21. Februar 1939 verabschiedete sich Narrhalla-Prinz Bobbi I. von Pilotien dann von der Ballsaison mit den Worten: "Die Lebensfreude, die entfacht / bei alle den Nächsten unbegrenzt, / hat manchen wieder froh gemacht " / das ist das Gold, was ewig glänzt." Vom Bühnenhimmel senkte sich darauf die riesige Narrenkappe über das Prinzenpaar, und als sie sich wieder hob, waren sie verschwunden. Und sie sollten es bleiben bis zum Jahr 1952. Nur im Film lebte der Münchner Fasching im Deutschen Theater weiter: Für den Film "Bal paré" (Regie: Karl Ritter) baute man im Berliner UFA-Atelier Neubabelsberg das Münchner Deutsche Theater mit seiner Faschings- Dekoration komplett nach.

Am 9. März 1943 wurde das Deutsche Theater " gerade auf den Wunsch Hitlers umgebaut " durch einen Bombenangriff zerstört. Das Haus lag in Schutt und Asche. Und es dauerte bis zum 19. Januar 1952, als nach 13 Jahren mit dem Einzug des Faschingsprinzenpaares der Narrhalla die Wiedergeburt der fünften Jahreszeit im Deutschen Theater gefeiert werden konnte. Das Deutsche Theater knüpfte an die rauschenden Feste vergangener Zeiten an und blieb Münchens Faschingshochburg Nummer Eins. 37 Bälle fanden in der ersten Nachkriegs-Ballsaison 1952 statt " "vom Chrysanthemenball" über die "Traumkulisse" (dem Kostümfest der Kammerspiele) bis zu "München tanzt durch die Jahrhunderte", ein großes Ballfest zugunsten des Wiederaufbaues des Nationaltheaters. Auch die Innungen feierten ihre Bälle; so gab es den "Waschermadl-Ball" (Faschingsfest der Wäscher- und Platterinnung München) oder den Ball des Frucht-Import- und Großhandels, selbst eine "Nacht der Chemiker" wurde gefeiert. Auf den traditionellen Münchner Filmbällen tanzte die Leinwand-Prominenz bis in den frühen Morgen.

Im Jahr 1965 übernahm Dr. Kurt Plapperer von Paul Wolz die Direktion des Theaters. Bald stieg auch Heiko Plapperer-Lüthgarth, der heutige Geschäftsführer des Deutschen Theaters, mit ein, der damals vor allem neue Faschingsfeste organisierte: den "Münchner Opernball", "Y viva España" oder die "Soirée der Stars". Die "Soirées", die in Zusammenarbeit mit Carl Möhner organisiert wurden, knüpften an die Filmbälle der früheren Jahrzehnte an. Die Feste versammelten die Crème de la Crème der Gesellschaft, von Minister Hans Dietrich Genscher bis zum Bruder des Schahs von Persien. Die Erlöse gingen zugunsten der Deutschen Krebshilfe. Bis in die frühen Morgenstunden wurde gefeiert; der Ball klang mit einem Champagner- und Austernfrühstück um 6.30 Uhr aus.
Nach der Generalsanierung des Deutschen Theaters von 1977 bis 1982, als Heiko Plapperer-Lüthgarth Geschäftsführer des Deutschen Theaters wurde, blieb das Deutsche Theater die Faschingshochburg Nummer Eins in München. Bis heute ist das Deutsche Theater als erstes Ballhaus der Stadt im Bewußtsein der Bevölkerung verankert.

 














































































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